Das Interview mit Kurt Udermann: „Unterwegs in Kolumbien“

Das Interview mit Kurt Udermann: „Unterwegs in Kolumbien“

Der pensionierte Pfarrer Kurt Udermann ist seit Anfang Feber im Rahmen der Organisation „voluntaris“ als Seelsorger in der nordkolumbianischen Stadt Cartagena, Landessprache Spanisch, unterwegs. Er wird in einem krisengeschüttelten Stadtteil der Metropole sechs Monate lang bleiben und bei Projekten der Mutter Herlinde Moises Stiftung als Freiwilliger mitwirken. Dabei ist er auch in Armenvierteln unterwegs, in denen schon lange kein Priester mehr war. Lesen Sie hier das ganze Interview in ungekürzter Fassung.

Herr Udermann, wie sind sie auf die Idee gekommen ein Voluntariat zu machen und warum?

Udermann: In einer Radiosendung hat sich „Voluntaris“ vorgestellt, eine Organisation, die es Pensionisten ermöglicht bei deren Projektpartnern überall auf der Welt Freiwilligeneinsätze durchzuführen. Ich fühlte mich sofort angesprochen, wartete aber auf einen weiteren „Fingerzeig“. Der stellte sich ein, als ich nach vielen Jahren einen ehemaligen Lehrerkollegen traf, der mir erzählte, dass er in den vergangenen Jahren, seit er in Pension ist, mit „Voluntaris“ Einsätze in Lateinamerika absolviert hat. Dann ging alles sehr schnell. Vorstellungsgespräch, die zwei Einführungswochenenden, ein neuer Projektpartner, den ich sofort traf, weil ich auch gerade in Wien war und sich unsere Interessen deckten.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Herlinde Moises Stiftung?

Udermann: Meine Aufgabe hier besteht vor allem in meinen noch (sprachlich) bescheidenen Möglichkeiten der priesterlichen Seelsorge. Der Stiftung sind und waren auch einige „arme“ Pfarren angeschlossen. Sie gehören heute zur Diözese, werden aber stiefmütterlich behandelt. Sie so gut es geht zu betreuen ist mir, ist uns, aufgetragen. Am Aschermittwoch habe ich meine erste Messe in spanischer Sprache gefeiert. In diesem Dorf, das der Pfarrer (zurecht?) meidet, haben die Paramilitärs bzw. das Drogenkartell um 1980 an die zehn Männer willkürlich erschossen. Sie sind wahrscheinlich denunziert worden. Das lähmt das Dorf bis heute. Die Pastoralassistentin hat eine Katechese über Versöhnung gehalten. Die gesamte Osterliturgie werde ich in diesem schwer heimgesuchten Dorf feiern. Auch die übrigen Dörfer wollen seelsorglich betreut werden. Mit den MitarbeiterInnen findet jede Woche ein Bibelgespräch statt und einmal im Monat feiern wir einen Gottesdienst.

Haben Sie manchmal Angst?

Udermann: Angst, nein, die hab ich auch nicht, wenn ich nach Wien fahre.

Was war Ihr Antrieb für die Reise?

Udermann: An erster Stelle wollte ich wieder etwas für das „Reich Gottes“ tun, trotz der negativen Erfahrungen mit der Kirche in Kärnten. Hier bin ich ja nur indirekt dem Bischof unterstellt, obwohl ich für ihn arbeite. Aber da war auch das ganz profane Interesse Spanisch zu lernen, um vielleicht eines Tages Gabriel G. Marquez in Originalsprache zu lesen. Auch die politische Zerrüttung des Landes mit den leisen Ansätzen von Versöhnung und Frieden in der ältesten Demokratie Südamerikas war eine Triebfeder.

Wie lebt es sich in Kolumbien?

Udermann: Dass jeden Tag die Sonne scheint ist gut fürs Gemüt, 10 Grad weniger wäre noch besser. Ich staune über mich selbst, dass ich mit dem Lärm eigentlich gut zurecht komme. Man geht hier nicht zu jemand hin, um ihm etwas zu sagen, sondern es wird geschrien. Und das vor dem Fenster! Absolut zufrieden bin ich mit dem Essen, vor allem mit dem Frühstück. Jeden Tag etwas anderes, viel mit Bananen, verschiedenste Arten von „Jugos“ (Fruchtsäfte), dafür keinen Wein. Ach ja, die Moskitos plagen mich.

Sie bleiben für sechs Monate. Werden sie verlängern oder so etwas ähnliches nochmals machen?

Udermann: Es stimmt, der Vertrag wurde für ein halbes Jahr geschlossen. Der beinhaltet vor allem auch alle diversen Versicherungen, einschließlich Rückflug. Ich kann mir gut vorstellen wiederzukommen, nicht wegen der Hitze (33 Grad), dem Lärm und der schlechten Luft, sondern aus Respekt vor dem mutigen Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit von Schwester Herlinde Moises.

Mehr Erlebnisse finden Sie in den „Briefen aus Kolumbien“ im Internet unter udermann.com

H I N T E R G R U N D

voluntaris ist ein gemeinnütziger Verein, der Freiwillige für fachlich qualifizierte und soziale Tätigkeiten vermittelt. Dabei arbeitet man mit Sozialprojekten und Bildungseinrichtungen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa zusammen. Das Durchschnittsalter der Freiwilligen liegt bei 57 Jahren.

Madre Herlinde Moises Stiftung

Die „Madre Herlinde Moises Stiftung“ liegt in der Nähe der Touristenhochburg Cartagena. Vor Jahrhunderten war diese Stadt Sklavenumschlaplatz. Hier in Pasacaballo haben sich geflohene Sklaven niedergelassen und auch heute ist die Bevölkerung mehrheitlich schwarz. Statt Tourismus beherrscht die Industrie mit ihrer schlechten Luft das Landschaftsbild. Schwester Herlinde, eine ehemalige Franziskaner-Missionarin, in Bad Hofgastein geboren, hat an der Not der armen Landbevölkerung nicht vorbeigeschaut und mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen (auch zwei österreichische Missionsschwestern und andere Freiwillige aus Österreich) schier Unglaubliches geleistet und wurde von den kubanischen Regierungen unterschiedlich bewertet. Einerseits wurde sie zur Schulinspektorin ernannt, andererseits ins Gefängnis gesteckt und gefoltert. Nach dem Empfang einer österreichischen Auszeichnung in Salzburg wurde ihr die (Rück-)Einreise in Kolumbien verweigert. Durfte dann aber ihren Einsatz für die Ärmsten wieder aufnehmen. Sterben wollte sie unbedingt in Kolumbien.

 

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Über den Author

Mag. Sabine Dlugaszewicz
Chef-Redakteurin , Anzeigenverkauf, Werbe- & Produkttexte

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